Der Moment, in dem du zum ersten Mal Führungsverantwortung übernimmst, fühlt sich oft an wie der Schritt auf die Brücke eines neuen Schiffes. Gestern warst du Teil der Mannschaft. Heute erwarten andere Orientierung von dir. Und tief in dir taucht eine Frage auf, die fast alle jungen Führungskräfte kennen:
Bin ich bereit dafür?
Die wichtigste Antwort gleich zu Beginn: Diese Unsicherheit ist normal. Nicht nur normal – sie ist sogar ein gutes Zeichen. Denn sie zeigt, dass du Verantwortung ernst nimmst.
Aus meiner Arbeit als Mentor mit jungen Führungskräften und aus meiner eigenen Erfahrung als CEO sehe ich immer wieder ähnliche Muster. Viele vermeiden schwierige Gespräche. Viele unterschätzen, welche Wirkung ihr Verhalten bereits auf das Team hat. Und fast alle glauben, sie müssten sofort alles perfekt können.
Doch Führung funktioniert anders. Sie ist kein Zustand, den man erreicht. Sie ist ein Weg, den man bewusst gestaltet.
Dieser Artikel zeigt dir fünf klare Schritte, die dir helfen, vom Kollegen zur Führungskraft zu wachsen – ruhig, wirksam und mit innerer Sicherheit.
Warum sich der Anfang oft unsicher anfühlt
Wenn du neu führst, verändert sich mehr als nur deine Position. Es verändert sich deine Rolle, deine Wahrnehmung und die Erwartungen deines Umfelds.
Psychologisch passiert Folgendes:
- Dein Gehirn sucht nach Sicherheit in einer neuen Situation
- Alte Verhaltensmuster aus der Kolleg*innenrolle greifen noch
- Gleichzeitig entstehen neue Erwartungen von oben und vom Team
Diese Spannung erzeugt Unsicherheit. Und genau deshalb ist sie kein Zeichen von Schwäche, sondern ein natürlicher Teil von Entwicklung.
Neurologisch betrachtet ist Unsicherheit eine natürliche Reaktion unseres Gehirns auf neue Situationen – das Gehirn strebt nach Konsistenz und Orientierung in unbekannten Rollen (Lippmann et al., 2019).
Wie ein Kapitän, der ein neues Schiff übernimmt, kennst du zwar das Meer – aber dieses Schiff reagiert anders, hat eine andere Crew und verlangt neue Entscheidungen.
Führung beginnt also nicht mit Kontrolle. Führung beginnt mit Orientierung im Unbekannten.
Vom Kollegen zur Führungskraft: 5 Schritte für einen sicheren Start
1. Akzeptiere die Unsicherheit – statt sie zu bekämpfen
Der grösste Irrtum am Anfang lautet: „Ich darf mich nicht unsicher fühlen.»
Doch genau das Gegenteil ist hilfreich. Wenn du Unsicherheit akzeptierst, entsteht Raum für Lernen.
Forschung zur Führungsentwicklung zeigt: Reflexionsfähigkeit ist wichtiger als Perfektion (Lippmann et al., 2019). Führungskräfte, die ihre eigenen Entwicklungsprozesse bewusst reflektieren, wachsen nachhaltiger in ihre Rolle hinein als jene, die versuchen, von Anfang an perfekt zu sein.
Stell dir deshalb bewusst drei Fragen:
- Was weiss ich bereits?
- Was lerne ich gerade?
- Wo darf ich Unterstützung holen?
Ein guter Kapitän kennt nicht jede Antwort. Aber er weiss, wo er hinschauen muss.
2. Kläre deine Rolle – bevor du andere führst
Der Wechsel vom Kollegen zur Führungskraft ist vor allem ein Rollenwechsel – eine komplexe Begegnung zwischen deiner Persönlichkeit und den organisationalen Erwartungen (Lippmann et al., 2019, S. 76).
Du bist nicht mehr primär Teil der Gruppe. Du bist verantwortlich für Richtung, Rahmen und Entwicklung.
Das bedeutet nicht Distanz – sondern neue Klarheit.
Studien zeigen: Die ersten 90 Tage dieser neuen Rolle bestimmen massgeblich deinen langfristigen Erfolg (Watkins, 2013). In dieser Phase legst du fest, wie du führen wirst und welche Erwartungen du setzt.
Hilfreich ist eine einfache innere Definition:
Meine Aufgabe ist nicht, beliebt zu sein. Meine Aufgabe ist, Orientierung zu geben und Entwicklung zu ermöglichen.
Diese Klarheit nimmt enorm viel Druck und sie schafft Vertrauen im Team.
3. Führe die Gespräche, die du vermeiden möchtest
Hier liegt einer der grössten Hebel wirksamer Führung. Schwierige Gespräche sind kein Zeichen von Konflikt. Sie sind ein Zeichen von Verantwortung.
Drei Prinzipien helfen:
- früh statt spät sprechen
- konkret statt allgemein formulieren
- Wirkung beschreiben statt Vorwürfe machen
Ein Beispiel aus der Praxis:
Nicht: „Du bist unzuverlässig.»
Sondern: „Mir ist aufgefallen, dass Termine mehrfach verschoben wurden. Das erschwert die Planung im Team. Lass uns gemeinsam schauen, was du brauchst, damit es stabil funktioniert.»
So entsteht Klarheit ohne Angriff.
Beispiel aus der Praxis
Marc, 29, Tech-Lead in einem Software-Unternehmen, vermied vier Wochen lang ein Gespräch mit einem Senior-Entwickler über sinkende Code-Qualität.
Resultat: Projekt-Verzögerung um zwei Wochen, wachsende Frustration im Team, schlechte Stimmung in den Standups.
Nach einem Mentoring-Gespräch führte Marc das Gespräch – 15 Minuten, konkrete Erwartungen, keine Vorwürfe. Der Entwickler öffnete sich über private Belastung. Gemeinsam definierten sie Zwischenschritte und Review-Prozesse.
Drei Wochen später: Problem ist gelöst, Code-Qualität stabil, der Respekt im Team gewachsen.
Der Unterschied: Marc hatte aufgehört zu hoffen, dass sich das Problem von selbst löst.
Genau hier beginnt echte Führung.
4. Werde dir deiner Wirkung bewusst
Viele neue Führungskräfte denken, sie müssten zuerst sicher sein, um zu wirken. In Wahrheit ist es umgekehrt:
Du wirkst bereits – ob bewusst oder unbewusst.
Deshalb ist Feedback entscheidend. Nicht als Bewertung, sondern als Spiegel.
Frage aktiv:
- Was hilft dir in unserer Zusammenarbeit?
- Was sollte ich als Führungskraft beibehalten?
- Was würdest du dir zusätzlich wünschen?
Diese Offenheit stärkt Vertrauen enorm. Und sie beschleunigt deine Entwicklung stärker als jedes Seminar.
Ein Kapitän, der auf seine Crew hört, steuert sicherer.
5. Du musst diesen Weg nicht allein gehen
Führung wird oft als individuelle Stärke verstanden. Doch nachhaltige Führungsentwicklung entsteht selten allein.
Mentoring bietet einen Raum,
- Unsicherheiten offen zu reflektieren
- schwierige Situationen vorzubereiten
- Entscheidungen klarer zu treffen
- schneller in die eigene Wirksamkeit zu wachsen
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder: Ein einziges klärendes Gespräch kann Monate von Unsicherheit verkürzen.
Nicht weil jemand dir sagt, was du tun sollst. Sondern weil du lernst, deinen eigenen Führungsweg bewusst zu gestalten.
Führung darf sich richtig anfühlen
Vielleicht spürst du beim Lesen etwas Erleichterung. Vielleicht erkennst du dich in einzelnen Situationen wieder.
Dann nimm genau das mit:
- Unsicherheit am Anfang ist normal
- du musst nicht perfekt starten
- Entwicklung entsteht Schritt für Schritt
- gute Führung kann man lernen
Und vor allem:
Führung darf Freude machen. Nicht trotz Verantwortung – sondern wegen der Möglichkeit, Menschen wachsen zu sehen.
Wie ein Kapitän, der merkt, dass die Crew beginnt, gemeinsam Kurs zu halten.
Häufig gestellte Fragen
Die meisten Führungskräfte finden nach 3-6 Monaten ihren Rhythmus. Studien zeigen: Die ersten 90 Tage sind entscheidend (Watkins, 2013). Mit gezieltem Mentoring und bewusster Reflexion verkürzt sich diese Phase oft auf 2-3 Monate
Wie lange dauert es, als neue Führungskraft sicher zu werden?
Die meisten Führungskräfte finden nach 3-6 Monaten ihren Rhythmus. Studien zeigen: Die ersten 90 Tage sind entscheidend (Watkins, 2013). Mit gezieltem Mentoring und bewusster Reflexion verkürzt sich diese Phase oft auf 2-3 Monate.
Was ist der häufigste Fehler junger Führungskräfte?
Schwierige Gespräche zu vermeiden. Viele hoffen, dass Probleme sich von selbst lösen. Doch unausgesprochene Themen werden grösser und schwächen langfristig Vertrauen und Klarheit im Team.
Wie führe ich ehemalige Kollegen?
Der Schlüssel liegt in der klaren Rollendefinition. Kommuniziere offen über den Rollenwechsel, setze professionelle Grenzen und fokussiere dich auf Orientierung statt Beliebtheit. Authentizität schafft mehr Respekt als Distanz.
Brauche ich als neue Führungskraft ein Mentoring?
Nicht zwingend, aber sehr empfehlenswert. Mentoring bietet einen geschützten Raum für Reflexion, verkürzt die Lernkurve und hilft, typische Anfängerfehler zu vermeiden. Ein einziges klärendes Gespräch kann Monate Unsicherheit ersparen.
Wenn du deinen nächsten Schritt bewusst gehen möchtest
Genau für diese Phase wurde Mentors.plus geschaffen.
Ein Ort, an dem junge Führungskräfte
- Orientierung finden
- Erfahrungen reflektieren
- Sicherheit entwickeln
- ihren eigenen Führungsstil aufbauen
ruhig, persönlich und praxisnah.
Wenn du spürst, dass jetzt der richtige Moment ist, deine Führungsrolle klarer zu gestalten, dann lohnt sich ein erster Austausch.
Nicht als Verpflichtung. Sondern als möglicher nächster Schritt auf deinem Weg vom Kollegen zur Führungskraft.
Denn gute Kapitäne entstehen nicht durch Zufall. Sondern durch bewusste Entwicklung.
Und genau dabei begleiten wir dich.
Quellen und weiterführende Literatur
Brown, B. (2018). Dare to Lead: Brave Work. Tough Conversations. Whole Hearts. Random House.
Lippmann, E., Pfister, A. C., & Jörg, U. (Hrsg.). (2019). Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte: Führungskompetenz und Führungswissen (5., überarb. und aktual. Aufl.). Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-55810-2
Watkins, M. D. (2013). The First 90 Days, Updated and Expanded: Proven Strategies for Getting Up to Speed Faster and Smarter. Harvard Business Review Press.